Wohlstandsghetto – Pt II

Published On 2015-12-11 | By Roland | Urbanes
An moderner Architektur scheiden sich ja bekanntlicherweise die Geister.
Traditionelle Kunstliebhaber, die die scheinbare Einfallslosigkeit und Kälte moderner Bauten bemängeln, treffen auf jene Geister, denen es nicht gewagt und futuristisch genug sein kann und liefern sich erbarmungslose Scharmützel verbaler Natur.

Der grössere Teil jedoch beschränkt sich auf’s stereotypisch österreichische Raunzen und Grantl’n, weil Freude Innovation & Veränderung noch nie eine grosse Stärke der Bevölkerung dieses Landes war.

Dazwischen liegen jene grauenerregenden Häuser, die von mässig inspirierten Absolventen der Studienrichtung „Architektur“ unter der Knute halbkonservativer und „kostenbewusster“ Bauherren geplant werden und einem das Gefühl geben, in der bosch’schen Möbelix-Hölle eines Walter Gropius gefangen zu sein.
Unter dem Diktat des „leistbaren Wohnens“ entstehen zukünftige Ghettos, die dem Charme & der Trostlosigkeit osteuropäischer Plattenbauten aus den 70ern des letzten Jahrhunderts nichts nachstehen, in Regionen der Stadt, die bislang aus gutem Grund unbenutzte G’stettn geblieben sind. Entweder weil sie am letzten Arsch der Stadt liegen, neben oder in Industriegebieten und/oder als Müll- & Bauschuttdeponien benutzt wurden.
Hier kann der ernährungsbewusste Bewohner im handtuchgrossen Garterl sein gelobtes Bio-Gemüse ziehen, die Kinder haben „die Natur“ als Spielplatz und der ländliche Flair lässt den Stress des täglichen Pendelns im Nu verblassen.
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Reihenhaussiedlung in Wr Neustadt, 2015

 

Und, es bleibt jedoch noch ungewiss, wie sich die kommende Rebellion zukünftiger wohlstandsverwahrloster Jugendlicher auf die soziale Situation dieser Siedlungen auswirkt.
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Soziales, gemeinnütziges Wohnbauprojekt, Wr. Neustadt, 2015

 

Wobei „leistbar“ ein äusserst relativer Begriff ist: bei einer Doppelhaushälfte in Siedlungslage mit ca 110m² ist man in Wiener Neustadt mit bescheidenen 250.000.- bis 350.000.- EU dabei. In Miete macht Vergleichbares um die 1000.- EU, exklusive Betriebskosten, aus, in der Genossenschaftsvariante reduziert sich die monatliche Belastung auf 750.-, exklusive Betriebskosten, dafür kommt eine einmalige Investition von 70.000 – 100.000 dazu.Als alleinverdienendes Familienmitglied bleibt hier nur die kriminelle Selbstverschuldung übrig, die, ganz abseits der psychologischen Effekte solcher unsäglicher Wohnbedingungen, ihren guten Anteil an dem kommenden Burn-Out hat.

Wie in Wohlstandsghetto – Pt. I schon beschrieben, hat das Paradoxon der „Entschleunigung“ des Neo-Biedermeier seinen Preis, wirtschaftlich wie psychisch.

Letzere Folgen sind jedoch das einzige Nachhaltige – die Gebäude sind es unter der Druck der Wirtschaftlichkeit in den meisten Fällen nicht.

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Vater, DJ, Photograph, Grafiker und neuerdings auch Schreiberling für untergrund.city. Goddammit, welch Karriere!

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